1. Einführung in die faseroptische Sensorik
Faseroptische Sensorik nutzt Licht als Informationsträger, um physikalische Größen zu erfassen. Dabei werden optische Signale durch eine Glasfaser geführt. Ändern sich entlang der Faser oder an ihrem Ende äußere Einflüsse wie Temperatur, Dehnung, Druck oder Vibration, verändern sich messbare Eigenschaften des Lichts – etwa Intensität, Phase, Wellenlänge, Streuverhalten oder Polarisation.
Der entscheidende Vorteil: Die Glasfaser selbst wird zum Sensor. Sie ist elektrisch isolierend, immun gegenüber elektromagnetischen Störungen, korrosionsbeständig und für extreme Umgebungen geeignet. Dadurch eignen sich faseroptische Messsysteme besonders für Anwendungen in Hochspannungsumgebungen, explosionsgefährdeten Bereichen, der Energietechnik, industriellen Anlagen oder sicherheitskritischen Infrastrukturen. Durch den geringen Durchmesser ist sie außerdem flexibel integrierbar, z. B. in Kupferspulen von E-Motoren oder Komposit-Laminaten von Windrotoren.
Je nach Messaufgabe kommen unterschiedliche physikalische Effekte zum Einsatz. Einige Sensoren messen an einem definierten Punkt, andere erfassen mehrere diskrete Messstellen entlang einer Faser, während sogenannte verteilte Verfahren ein kontinuierliches Profil über viele Kilometer ermöglichen. Grundlage sind dabei etablierte optische Prinzipien wie Interferenz, Wellenlängenverschiebung oder Lichtstreuung.
Faseroptische Sensorik verbindet somit die physikalische Präzision der Photonik mit der Robustheit industrieller Messtechnik – und eröffnet Lösungen dort, wo klassische elektrische Sensorik an ihre Grenzen stößt.
2. Klassifizierung
Faseroptische Sensoren lassen sich unter anderem nach Art der Messwerterfassung entlang der Faser einteilen. Diese Orientierung an der Messaufgabe orientiert ist besonders praxisnah.
2.1 Einpunkt-Sensorik
Bei der Einpunkt-Sensorik befindet sich das eigentliche Sensorelement an einer definierten Stelle – meist am Faserende oder in einem integrierten Sensorkopf. Die Faser dient dabei primär als optische Signalübertragung.
Characteristik:
- Eine klar definierte Messstelle
- Sehr hohe Genauigkeit und Dynamik möglich
- Besonders geeignet für punktuelle Temperatur-, Druck- oder Dehnungsmessungen
- Kompakte Sensorgeometrien im Vergleich zu elektrischen Messtechniken
Typische Anwendungen sind Hochspannungsumgebungen, Transformatorenüberwachung, medizinische Technik oder industrielle Prozessmessung.

2.2 Multipunkt-Sensorik
Multipunkt-Systeme ermöglichen mehrere diskrete Messstellen entlang einer einzigen Faser. Diese sind in ihrer räumlichen Anordnung nahezu beliebig definierbar und lassen sich etwa über Wellenlängen oder Signalcodierungen unterscheiden.
Characteristik:
- Mehrere definierte Messpunkte auf einer Faser (typisch 15 - 30, unter bestimmten Voraussetzungen auch bis zu 1000 pro Faser möglich)
- Reduzierter Verkabelungsaufwand
- Gute Skalierbarkeit
Diese Technik verbindet die Präzision punktueller Sensoren mit der Effizienz einer gemeinsamen Faserinfrastruktur.

2.3 Quasikontinuierliche/ verteilte Sensorik
Bei verteilten Verfahren werden keine Sensoren in die Faser eingeschrieben sondern die Fasereigenschaften selbst werden ausgenutzt. Jeder Abschnitt der Faser wirkt als Sensorelement. Die Ortsinformation ergibt sich aus der Laufzeit oder Frequenzanalyse des rückgestreuten Lichts.
Characteristik:
- Kontinuierliches Messprofil von mehreren Kilometern möglich
- Räumliche Auflösung von Millimetern bis Metern, abhängig vom Messverfahren.
- Ideal für lineare Strukturen wie Kabeltrassen, Pipelines, Tunnel oder Messprofile in Reaktoren
Diese Verfahren ermöglichen eine flächendeckende Zustandsüberwachung, bei der Temperatur-, Dehnungs- oder Vibrationsprofile über lange Strecken oder minimalen Messabständen erfasst werden.

Diese drei Kategorien bilden den strukturellen Rahmen für die unterschiedlichen physikalischen Messprinzipien, die im nächsten Abschnitt näher erläutert werden.
3. Messprinzipien der faseroptischen Sensorik
3.1 Einpunkt-Sensorik
3.1.1 Halbleiter-Absorptionssensoren (Halbleiter-Bandgap, z. B. GaAs)
Bei diesem Verfahren befindet sich ein kleiner Galliumarsenid-Kristall (GaAs) an der Faserspitze. Die temperaturabhängige Verschiebung der optischen Absorptionskante des Halbleiters verändert das reflektierte oder transmittierte Lichtspektrum. Aus dieser spektralen Änderung wird die Temperatur bestimmt.
Typische Messgröße: Temperatur
Stärken: EMV-Immunität, hohe Langzeitstabilität, geeignet für Hochspannungsumgebungen
Typische Anwendungen: Transformatorenüberwachung, Hochspannungsanlagen, industrielle Prozesse

3.1.2 Interferometrische Sensoren (z. B. Fabry-Pérot)
Interferometrische Sensoren basieren auf der Änderung der optischen Weglänge. Zwei reflektierende Flächen bilden eine Kavität. Verändert sich deren Abstand durch Druck, Dehnung oder Temperatur, verschiebt sich das Interferenzmuster des reflektierten Lichts. Diese Phasen- oder Intensitätsänderung wird hochpräzise ausgewertet.
Typische Messgrößen: Druck, Dehnung, Temperatur, akustische Signale
Stärken: Sehr hohe Auflösung und Dynamik
Typische Anwendungen: Hochdruckmessung, Medizintechnik, Schwingungsanalyse
3.1.3 Fluoreszenz- bzw. Phosphorbasierte Sensoren
Hier wird ein temperaturabhängiges lumineszierendes Material am Sensorkopf optisch angeregt. Änderungen in Intensität, Spektrum oder Lebensdauer der Fluoreszenz liefern das Messsignal. Die Faser dient lediglich als Lichtleiter.
Typische Messgröße: Temperatur
Stärken: Elektrisch isoliert, robust gegenüber EMV
Typische Anwendungen: Industrieanlagen, medizinische Anwendungen
3.1.4 Polarimetrische Sensoren
Diese Sensoren nutzen Änderungen des Polarisationszustands von Licht in einem magnetooptischen Material. Ein externes Magnetfeld – beispielsweise das Feld eines stromdurchflossenen Leiters – bewirkt eine Drehung der Polarisation des Lichts. Aus dieser Polarisationsänderung kann die magnetische Feldstärke und damit indirekt der elektrische Strom bestimmt werden.
Typische Messgrößen: Strom, Magnetfeld
Stärken: Berührungslos, hochspannungsfest
Typische Anwendungen: Energieübertragung, Netzüberwachung
3.2 Multipunkt-Sensorik
3.2.1 Faser-Bragg-Gitter (FBG)
FBGs sind periodische Brechungsindexmodulationen innerhalb der Faser, die eine bestimmte Wellenlänge reflektieren. Ändert sich Temperatur oder Dehnung, verschiebt sich diese reflektierte Wellenlänge. Mehrere FBGs mit unterschiedlichen Bragg-Wellenlängen können entlang einer Faser integriert und gemeinsam ausgelesen werden.
Typische Messgrößen: Temperatur, Dehnung, Druck (indirekt)
Stärken: Viele diskrete Messstellen auf einer Faser, gute Skalierbarkeit
Typische Anwendungen: Strukturüberwachung, Windenergie, Maschinenbau
Hinweis: In der industriellen Praxis sind 15–30 FBGs pro Faser üblich; spezialisierte Systeme ermöglichen auch deutlich höhere Gitterzahlen. Auch Multiplex-Betrieb über mehrere Kanäle ist möglich.

3.2.2 Gemultiplexte interferometrische Sensoren
Mehrere interferometrische Sensorköpfe können über spektrale oder zeitliche Multiplexverfahren an einer Faser betrieben werden. Die Auswertung erfolgt über interferometrische Demodulation, etwa mittels Weißlicht-Interferometrie.
Typische Messgrößen: Druck, Dehnung, akustische Signale
Stärken: Sehr hohe Auflösung an mehreren definierten Messstellen
Typische Anwendungen: Spezialanwendungen mit wenigen hochpräzisen Messpunkten
3.3 Quasikontinuierliche (verteilte) Sensorik
3.3.1 Rayleigh-basierte Verfahren
Rayleigh-Streuung entsteht durch mikroskopische Inhomogenitäten im Glas der Faser. Das charakteristische Rückstreusignal der Faser verändert sich, wenn sich lokale Dehnung, Temperatur oder Vibration ändern. Diese Veränderungen können ortsaufgelöst analysiert werden.
Je nach Auswertemethode werden unterschiedliche Technologien eingesetzt:

3.3.1.1 Rayleigh-OTDR (z. B. Distributed Acoustic Sensing – DAS)
Bei OTDR-basierten Systemen werden kurze Laserimpulse in die Faser eingespeist. Die Laufzeit des rückgestreuten Signals liefert die Ortsinformation entlang der Faser.
Typische Messgrößen: Vibration, akustische Signale, dynamische Dehnung
Stärken: Ereigniserkennung über viele Kilometer, vollständiges Dehnungs- oder Temperaturprofil entlang der Sensorfaser
Typische Anwendungen: Pipelineüberwachung, Perimeterschutz, Infrastrukturmonitoring
3.3.1.2 Rayleigh-OFDR (Distributed Strain/ Temperature Sensing)
OFDR-Systeme verwenden einen frequenzmodulierten Laser und analysieren das spektrale Rayleigh-Streumuster der Faser. Dieses Muster ist für jede Faserstelle einzigartig. Veränderungen durch Dehnung oder Temperatur verschieben das lokale Streuspektrum und können hochauflösend ausgewertet werden.
Typische Messgrößen: Dehnung, Temperatur
Stärken: sehr hohe Ortsauflösung (mm – cm-Bereich), hohe Sensitivität, kontinuierliches Messprofil entlang der gesamten Faser
Typische Anwendungen: Bauwerksüberwachung, Strukturtests, Faserverbundstrukturen, Materialtests
3.3.2 Raman-basierte verteilte Temperaturmessung (DTS)
Raman-Streuung ist temperaturabhängig. Das Verhältnis von Stokes- zu Anti-Stokes-Komponenten des rückgestreuten Lichts ermöglicht die ortsaufgelöste Bestimmung der Temperatur entlang der gesamten Faser.
Typische Messgröße: Temperatur
Stärken: Große Reichweiten (mehrere Kilometer), robuste Temperaturprofile
Typische Anwendungen: Kabelüberwachung, Tunnel, Energietechnik
3.3.3 Brillouin-basierte verteilte Temperatur- und Dehnungsmessung (DTSS)
Bei der Brillouin-Streuung wechselwirkt das Licht in der Faser mit akustischen Gitterschwingungen im Glas, sogenannten akustischen Phononen. Diese mikroskopischen Schallwellen im Material verändern den Brechungsindex und führen zu einer kleinen Frequenzverschiebung des gestreuten Lichts. Da diese Verschiebung von Temperatur und Dehnung abhängt, können beide Größen entlang der Faser gemessen werden.
Typische Messgrößen: Temperatur und Dehnung
Stärken: Kombination zweier Messgrößen, große Reichweiten
Typische Anwendungen: Bauwerksmonitoring, Geotechnik, Energieinfrastruktur
4. Überblick über faseroptische Messverfahren
| Messverfahren | Klassifizierung | Physikalisches Prinzip | Typische Messgrößen | Typische Anwendungen | Charakteristische Stärken |
|---|---|---|---|---|---|
| Halbleiter-Absorptionssensor (z.B. GaAs) | Einpunkt | Temperaturabhängige Verschiebung der optischen Absorptionskante eines Halbleiters | Temperatur | Transformatorenüberwachung, Hochspannungsanlagen, industrielle Prozesse | Hohe EMV-Immunität und Stabilität in Hochspannungsumgebungen |
| Interferometrische Sensoren (z. B. Fabry-Pérot) | Einpunkt | Änderung der optischen Weglänge führt zu Verschiebung des Interferenzsignals | Druck, Dehnung, Temperatur, Vibration | Medizintechnik, Hochdruckmessung, akustische Sensorik | Sehr hohe Auflösung und Dynamik |
| Fluoreszenz-/ Phosphorbasierte Sensoren | Einpunkt | Temperaturabhängige Änderung von Intensität oder Lebensdauer lumineszenter Materialien | Temperatur | Industrieanlagen, medizinische Anwendungen | Gute Langzeitstabilität und EMV-Immunität |
| Polarimetrische Sensoren (Faraday-Effekt) | Einpunkt | Magnetfeld verursacht Drehung der Lichtpolarisation in einem magnetooptischen Material | Strom, Magnetfeld | Energieübertragung, Netzüberwachung | Berührungslose Strommessung bei Hochspannung |
| Intensitätsbasierte Sensoren | Einpunkt | Änderung der Lichtintensität durch Dämpfung, Mikrobiegen oder Reflexion | Druck, Dehnung, Bewegung | einfache industrielle Sensorik | Einfache und kostengünstige Sensorkonzepte |
| Faser-Bragg-Gitter (FBG) | Multipunkt | Periodische Brechungsindexstruktur reflektiert definierte Wellenlänge, die sich bei Temperatur oder Dehnung verschiebt | Temperatur, Dehnung | Strukturüberwachung, Maschinenbau, Windenergie | Viele Messstellen auf einer einzigen Faser |
| Rayleigh-basierte Sensorik | Quasikon-tinuierlich | Elastische Rückstreuung an mikroskopischen Inhomogenitäten der Faser | Vibration, Dehnung | Infrastrukturmonitoring, Perimeterschutz, Pipelineüberwachung | Ereigniserkennung entlang vieler Kilometer Faser |
| Raman-basierte Sensorik | Quasikon-tinuierlich | Temperaturabhängige inelastische Streuung (Stokes / Anti-Stokes) | Temperatur | Kabelüberwachung, Tunnel, Energietechnik | Zuverlässige Temperaturprofile über große Distanzen |
| Brillouin-basierte Sensorik | Quasikon-tinuierlich | Frequenzverschiebung durch Wechselwirkung mit akustischen Phononen | Temperatur, Dehnung | Bauwerksmonitoring, Geotechnik, Energieinfrastruktur | Gleichzeitige Messung von Temperatur und Dehnung |
5. Abkürzungen
DAS – Distributed Acoustic Sensing
Verteiltes faseroptisches Messverfahren auf Basis der Rayleigh-Streuung zur Erfassung von Vibrationen und akustischen Signalen.
DFOS – Distributed Fiber Optic Sensing
Oberbegriff für faseroptische Messverfahren, bei denen eine Glasfaser über ihre gesamte Länge als Sensor genutzt wird.
DSS – Distributed Strain Sensing
Verteiltes Messverfahren zur Bestimmung von Dehnung. Es basiert typischerweise auf Rayleigh- oder Brillouin-Streuung und wird häufig in der Bauwerks- und Infrastrukturüberwachung eingesetzt.
DTS – Distributed Temperature Sensing
Verteilte Temperaturmessung entlang einer Glasfaser.
DTSS – Distributed Temperature and Strain Sensing
Verteilte Messung von Temperatur und Dehnung entlang einer Glasfaser, häufig auf Basis der Brillouin-Streuung.
FBG – Fiber Bragg Grating (Faser-Bragg-Gitter)
Periodische Modulation des Brechungsindex in einer Glasfaser, die eine spezifische Wellenlänge reflektiert. Wird zur Messung von Dehnung und Temperatur verwendet.
OFDR – Optical Frequency Domain Reflectometry
Messverfahren zur hochauflösenden ortsaufgelösten Analyse der Rayleigh-Rückstreuung entlang einer Faser.
OTDR – Optical Time Domain Reflectometry
Messverfahren, bei dem kurze Lichtimpulse in eine Faser gesendet und das zeitaufgelöste Rückstreusignal analysiert wird.
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